Kennen Sie den letzten Drücker?
Sie haben schon wieder zu spät angefangen?
Obwohl Sie sich fest vorgenommen haben, es dieses Mal anders zu machen. Denn immerhin leuchtet Ihnen das Konzept des sofortigen Beginnens jedenfalls intellektuell ein: erst die Arbeit und dann das Vergnügen – und nicht umgekehrt.
Jetzt aber treibt Sie das „Panik-Monster“, welches beim letzten Drücker wach wird und Sie nun endlich in Bewegung setzt.
Und wie schon so oft schaffen Sie es. Leider mit Stress und Selbstanklage, was erstaunlicherweise dazu führt, dass es beim nächsten Mal genauso wieder läuft.
Geht das nicht auch anders?

Prokrastination (= „Aufschieberitis“) hat einen schlechten Ruf. Menschen, die „auf den letzten Drücker“ arbeiten, empfinden sich selbst häufig als faul, undiszipliniert und chaotisch im Zeitmanagement. Der innere Kritiker, der nicht müde wird, all das immer wieder zu betonen, ist knallhart und kennt wenig Selbstliebe.
Prokrastination kann sinnvoll sein
Dabei kann Prokrastination unter gewissen Voraussetzungen zu guten Ergebnissen führen und sinnvoll sein. Verschiedene Studien der kognitiven Psychologie haben gezeigt, dass eine produktive Prokrastination dem Gehirn die Möglichkeit gibt, neue kreative Wege zu gehen, um ein Problem zu lösen. Voraussetzung ist allerdings, dass das Gehirn die Aufgabe kennt, die zu erledigen ist und dass es vom inneren Kritiker oder anderen Persönlichkeitsanteilen nicht unter Druck gesetzt wird.
Müssen Sie also eine Hausarbeit schreiben oder einen Schriftsatz fertigen, dann kann es sehr wirkungsvoll sein, wenn Sie die Aufgabe erfassen, vielleicht schon eine erste thematische Gliederung konzeptionieren und sich dann anderen Aufgaben zuwenden, die das Gehirn idealerweise entlasten. Dieses gezielt eingesetzte Aufschieben setzt geistige Ressourcen frei und ermöglicht dem Gehirn, in aller Ruhe kreative Umwege zu gehen, um ans Ziel zu gelangen.
Geistesblitze
Wer kennt ihn nicht, den „Geistesblitz“ unter der Dusche!
Die Prokrastination, bei der Sie auf den letzten Drücker das „Panik Monster“ treibt und unter Druck setzt, ist hingegen destruktiv und lähmend.
Anstatt mit der Aufgabe zu beginnen, findet Ihr Gehirn Vermeidungsstrategien, die vor allem im Zeitalter der sofortigen Verfügbarkeit von Social Media einfach zu entwickeln sind. Plötzlich ist alles interessanter als die zu erledigende Aufgabe, selbst das 380. Katzenvideo macht mehr Spaß als die Hausarbeit oder der Schriftsatz.
In diesen Fällen begreift ein Teil Ihres Gehirns – die Amygdala – die Aufgabe als Bedrohung und greift auf erlernte Mechanismen zurück, um Ihr Nervensystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dazu gehört die Ablenkung, die das Belohnungszentrum aktiviert aber auch das stundenlange Starren auf den Bildschirm, ohne wirklich in Bewegung zu kommen. Selbst der Perfektionismus, der dazu führt, dass man um die Aufgabe herum alles Mögliche erledigt, da man meint, erst dann anfangen zu können, ist Teil der Vermeidungsstrategie.
So vergeht Zeit und der innere Kritiker erwacht und setzt Ihnen zu, was dazu führt, dass noch mehr Vermeidungsstrategien entwickelt werden.
Was können Sie tun?
Akzeptanz der Situation
Eine unmittelbare Strategie besteht zunächst in der radikalen Akzeptanz der Situation („letzter Drücker“) aber auch und vor allem der Gefühle, die ausgelöst werden. Wichtig ist, diese Gefühle nicht zu bewerten und niederzudrücken, sondern willkommen zu heißen. Alles darf in dem jeweiligen Moment da sein: die Angst, die Wut, die Scham, was auch immer es ist. Auch den rigorosen Kritiker darf man liebevoll betrachten – schließlich hat er eine wichtige Aufgabe im System.
Sofern Sie so sehr in der Drucksituation sind, dass Sie nicht wirklich fühlen können, hilft es, mit der Aufmerksamkeit in den Körper zu gehen und zu spüren, ob er sich an irgendeiner Stelle eng oder verkrampft anfühlt und dann dort mit der Aufmerksamkeit zu bleiben. Das Gefühl folgt.
Wenn Sie das noch nie gemacht haben, wird es am Anfang schwierig sein, aber mit etwas Übung wird es immer leichter. Sie werden feststellen, dass allein das achtsame und liebevolle Annehmen, dessen was ist, Entspannung bringen wird.
Daneben gibt es ganz praktische Vorgehensweisen, die schnell umgesetzt werden können:
- Unterteilen Sie die Ihnen ungemein groß erscheinende Aufgabe in einzelne, kleine Teile, die Sie nach und nach angehen können,
- damit zusammenhängend präzisieren Sie Ihre Tagesziele oder Stundenziele, so dass Sie nach Erlangen derselben etwas abhaken können,
- lassen Sie Irrwege oder Fehler zu und bedenken Sie, dass sie Futter für das kreative Denken sind,
- sofern es keine intrinsische Motivation gibt, schaffen Sie sich eine extrinsische Motivation („Belohnung nach Erreichen des (Zwischen-) Ziels).
Eine längerfristige Strategie besteht darin, zu erkunden, wann und wieso die Vermeidungsstrategien entstanden sind, um sie dann Schritt für Schritt durch neue Strategien zu ersetzen.
Sprechen Sie uns an – wir begleiten Sie bei Ihrem Entwicklungsprojekt.